Hinterhof-Erkunderin

Strasbourg, Frankreich

Ausschlafen und aufwachen zu Glockenläuten, Vogelgezwitscher und Stadtgeräuschen – Teller in Cafés, die aufgeräumt werden, 2 französische Ladenbesitzer, die sich lautstark unterhalten, und das unterschwellige Summen der Stimmen vieler Menschen, die schon unterwegs sind. So stell ich mir Urlaub in einer großen Stadt vor, und genau so ist es.

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Blick aus dem Fenster beim Aufwachen

Am Vormittag werde ich abgeholt von Lea, einer deutschen Freiwilligen in Strasbourg, und wir machen uns auf den Weg durch die Stadt. Nach einem Blick auf die Kathedrale entscheiden wir uns, dass Freitag um die Mittagszeit vielleicht nicht die beste Zeit ist, um den Turm zu besteigen. Eine Riesenschlange von Wartenden zieht sich quer über den Platz.

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Erste Sneak Peek auf den Kathedralen-Turm
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Platz vor der Kathedrale: Touris, Touris und nochmal Touris

Dafür gehen wir eine Runde hinunter zur Ill, dem Fluss, der durch Strasbourg fließt. Dort kann man schön lang flanieren, sich ausführlich unterhalten – über den Freiwilligendienst, die Stadt, die Freunde – und die Fachwerkhäuser zählen. Einige Schiffe fahren sehr langsam vorbei.

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Entenbabies im Spotlight
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man beachte die Frankreich Flagge auf dem Schiffsheck

Wir drehen eine Runde zurück durch die Altstadt. Es gibt eine Bretzel zum Mittag – hach, es hat echt Vorteile so nah an Deutschland zu sein! Dann kommen wir an einer süßen kleinen Straße an, die in eine Brücke mündet. Die Brücke wird gerade in ihrem Mechanismus quer gedreht, damit ein Schiff durchfahren kann.

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Da (links) kommt ein Schiff gefahren…

Danach setzen wir uns in einen Park. Die Sonne scheint knallend heiß herab und ich muss echt aufpassen – meine Schultern wollen sonst lieber wieder rot als braun werden!
Im Schatten ist es aber super entspannt, und man kann den ganzen Deutschen zuhören, die vorbei laufen. Inzwischen fühle ich mich eher wie in einer deutschen Stadt, wo einige französische Touristen herumlaufen.

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Strahlewetter

Dann wollen wir aber noch in ein paar Läden schauen und es geht zurück in die Altstadt zwischen die hübschen Häuser.
Wir entscheiden uns, kurz mal in die Kathedrale reinzuschauen. Es ist so schön kühl und dunkel dort! Mit den Touristen Massen werden wir durch die Kirche geschwemmt.
Draußen auf dem Platz spielt ein Straßenmusikant laut seinem Schild eigenkomponierte Stücke als Hommage an die Kathedrale. Sowieso sind hier in Strasbourg wirklich viele Straßenmusiker zu sehen! Mir gefällt es. Macht die Atmosphäre gleich noch viel stimmungsvoller!

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Kerzenschein
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Oh la la, ganz schön groß!
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Straßenmusikant mit Leidenschaft

Weiter geht es, immer mal wieder in ein Geschäft mit schönen Postkarten oder hübschen Deko-Decken reingeschaut, und in der Wirklichkeit selbst die postkartenreifen Ausblicke genossen. Auf einem Platz am Rand des Zentrums steht eine große Gruppe herum um einen Stadtführer mit einem „Happy Free Tour“ Plakat. Nett. Trotzdem bin ich heute in der Stimmung, die Stadt lieber auf eigene Faust zu erforschen.

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freie Touren locken eine Menge Menschen an.
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wie auf einer Postkarte

Dann geht es zu einem kurzen Stopp in einem wirklich süßen Café – wir brauchen einfach kurz eine Pause aus der Sonne raus. Mit wirklich gutem Kuchen und überteuerten, aber leckeren Frappés wird „What the Cake“ für mich zu einem Spezialtipp.

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überzeugende Argumente

Zum abend hin gehen wir nochmal hinunter an den Fluss. Dort sitzen viele junge Leute, hören Musik oder machen selbst welche (ein Mann mit Gitarre und ein Klarinettenspieler battlen sich voller Begeisterung). Der Fluss ist klar und blau bis auf ein paar Zigarettenstummel, die vom nächsten Ufer vorbeischwimmen.
Auf der anderen Seite sieht man langgezogene Schiffe, in denen Restaurants untergebracht sind. Wir sitzen im Schatten einer Trauerweide direkt am Flussufer an der Kante und lassen die Füße baumeln, die nicht ganz bis ans Wasser reichen. Um uns herum eine entspannte Feierabend-Stimmung und ein Sprachengemisch aus Deutschen, die aus dem nahen Kehl übers lange Wochenende zu Besuch gekommen sind, und französischen Studenten. Es ist echt gemütlich und die Abendsonne leuchtet die letzten Touris auf Bootstouren an, die an uns vorbeifahren.

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Summertime-Feeling

Nach unserem 18-kilometer-Spaziergang sind wir beide müde. Noch eine Freiwillige hat Arbeitsschluss und gesellt sich zu uns, und wir suchen uns einen Falafelstand. Die Sonne geht unter und morgen kommen die anderen an – morgen abend werden wir alle zusammen was Schönes unternehmen.
Jetzt geht es aber erstmal ins Bett, mit den gemütlichen Geräuschen der Stadt um mich herum, dem letzten Gemurmel und den Leuten in den Häusern um mich herum. Großstadtgemütlichkeit.

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letztes Abendlicht auf dem Weg nach hause

Am nächsten Morgen bin ich dann erstmal alleine losgezogen, weil ich als einzige bereit war, schon „so früh“ (um 9.30) aufzustehen, um auf Erkundungstour zu gehen. Da wir am Vortag schon gründlich Runden durch den Altstadtkern gezogen hatten, kannte ich mich inzwischen etwas aus. Ich wollte unentdeckte Ecken der Stadt sehen und hielt mich daher – nicht so wie gestern – eher nicht am Wasser, sondern in den kleinen Gassen auf.

Heute früh gibt es vor der Kathedrale eine richtige kleine Show zu sehen. Zwei junge Männer, Zwillinge um die 22, machen Musik. Und tanzen Stepptanz dabei! Der eine spielt eine kleine Violine, der andere eins von diesen Mini-Akkordeons. Sie spielen und steppen gleichzeitig, da wird einem ganz schwindelig von! Das muss wahnsinnig anstrengend sein… Jedenfalls bekommen sie eine Menge Applaus.

Ich flüchte mich dann ein wenig in die stilleren Orte. Wo findet man stille Orte mitten im Zentrum wenn alles voller Touristen ist? Ich habe die Magie von geheimen Hinterhöfen entdeckt. Wenn man sich nur mal traut, durch ein großes Holztor durchzugehen oder tiefer in einen Eingang hinein zu luken, wird man oft fündig und sieht kleine, süße Ecken, die vor den Augen der Massen verborgen bleiben.
Der erste Hinterhof den ich entdecke hängt voller Efeu und an der Wand hängen verstaubte Schilder, Werbung für ein Privat-Atelier. Es ist geschlossen, aber durch die Fenster bekomme ich doch mal einen neugierigen Blick hinein. Wie schön ruhig es hier ist, und nur die paar Meter von der menschenüberlaufenen Straße entfernt! Ein Hütehund scheucht mich dann aber wieder hinaus in die Sonne.

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ach Gottchen ist das hübsch
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Wer suchet, der findet: Hinterhof-Romantik

Der zweite Hinterhof den ich finde ist noch versteckter, weiter im Inneren des Häuserblocks. Dort blühen lila Hortensien und ein paar leicht angerostete Fahrräder lehnen an der Wand. Man hört eine Mutter mit ihrem Kind diskutieren, die Stimmen kommen aus der Wohnung im weiß-braunen Fachwerkhaus über mir.

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versteckt und gefunden (von mir)

Ich bin noch ein ganzes Stück weiter gelaufen und hab mich noch ein bisschen weiter aus dem touristen-überlaufenen Zentrum rausgetraut. Es war total angenehm, mal wieder etwas Platz um sich herum zu haben! Dennoch sieht man immer noch obligatorische Strasbourg-Raritäten wie z. B. einen Laden, wo man „The Beatles“ T-Shirts stattdessen mit der Aufschrift „The Bretzels“ kaufen kann. Auf den Wänden einiger Häuser sind kleine angemalte Bilder. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich in den letzten drei Tagen hier noch kein einziges hingeschmiertes Graffiti gesehen habe! Wahrscheinlich macht auch das einen Part dabei aus, dass ich mich wie im idyllischsten Film-Dorf in Bayern fühle.

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He’s watching you
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Sei still und gib mir ne Bretzel

Um eine der richtigen kulturellen Sehenswürdigkeiten Strasbourgs anzuschauen, hab ich mich dann für das Tomi Ungerer Museum entschieden. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen zufällig darüber gestolpert, aber „ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn“. (Blind hier nicht als Selbstironie auf meine Brille, sondern stattdessen auf meine manchmal zum Vorschein kommende Orientierungslosigkeit bezogen).
Für mich war das natürlich besonders interessant. Nicht nur, weil „Die drei Räuber“ mein Lieblings-Kindertrickfilm war als ich noch ganz klein war, sondern auch, weil Illustration mich sehr interessiert. Ich liebe schön illustrierte Zeitschriften und Bücher und hatte ja sogar mal selbst darüber nachgedacht, dieses Fach zu studieren.
Auf jeden Fall konnte man in dem kleinen aber feinen Museum sehr gut die satirischen und witzigen Zeichnungen bewundern, die Ungerer schon in Kindheitstagen gemacht hat. Ich habe gelernt: Tomi Ungerer ist in Strasbourg geboren und wurde als 14-jähriger bei den Pfadfindern „fourmi boute-en-train“ genannt – Witzbold-Ameise. Ich finde das als Spitznamen ja etwas lang, aber die Ausstellung hat mir dennoch gefallen.

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über die Schulter geschaut

„Wenn man sein Plakat auf der Straße sieht, fühlt man sich, als setze man den i-punkt auf das i der anderen“

– Tomi Ungerer

In den hellen Räumen des Obergeschosses gab es noch ein anderes Kunst Projekt, „Der Mensch ist überall“ von Peter Knapp. Auch das hat mir echt gefallen. Wie die Menschen teilweise nur mit verwischten schwarzen Farbstrichen dargestellt sind, und trotzdem kannst du Bewegung und Emotion erkennen.

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sehr cooler Stil

Aus der Ausstellung raus, sehe ich mir Theater und Oper von Strasbourg von außen an. In dieser Gegend ist es nicht so überfüllt, und in den Cafés sitzen eher Franzosen, „echte“ Strasbourger und Studenten, die an Aufsätzen arbeiten, als Touristen.

Ich stolpere über einen weiteren sehr kleinen Hinterhof, dieses mal gibt es aber leider nur Fahrräder zu sehen. In den kleinen Straßen rundum gefällt es mir trotzdem sehr.
Ich entdecke ganz zufällig noch die Kirche Saint-Pierre-le-Jeune, deren Charme für mich vor allem die nicht restaurierten, aber trotzdem immer noch schönen Wandmalereien ausmachen. Und der Fakt, dass außer mir nur zwei andere Besucher sich in diesen Ort verirrt haben, der wohl immer im sprichwörtlichen Schatten der großen Kathedrale steht.

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alt, aber immer noch bunt

Irgendwann meldet sich der Hunger und ich hole mir einen Bagel, den ich mit absolutem Genuss in strahlender Sonne auf einer Bank verputze. (Für die „Foodies“ unter euch: Cremecheese-Salat-Hühnerbrust-Extra-Tomaten-Pesto-Sesambagel. Himmlisch.)

Auf dem Weg, die anderen Freiwilligen zu finden, verlaufe ich mich ein bisschen und lande daher zufällig auf einem Flohmarkt, und verbringe dort dann natürlich auch noch einige neugierige Minuten. Besonders gefällt mir die große alte Truhe, die aussieht, als ob früher mal Piratenschätze darin versteckt waren.

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Wenn das keine Schatztruhe ist, dann weiß ich auch nicht

Jetzt treffe ich mich aber erst mal mit den anderen und wir verbringen den Abend in einer großen Réunion der Freiwilligen – das wird bestimmt schön, alle Deutschen mal wiederzusehen. Von daher verabschiede ich mich an dieser Stelle wieder von euch.
Mit ganz lieben Grüßen aus dem Elsass,
Anna. 🙂

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Ein Gedanke zu “Hinterhof-Erkunderin

  1. War ich jetzt die beiden Tage live dabei oder hab ich es „nur“ gelesen? Soooo viel erzählt und fotografiert!!! Hab weiter Spaß 🙂
    P.

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